Die Zahl, die alles rahmt: die Personalkostenquote

Die wichtigste betriebswirtschaftliche Kennzahl in diesem Zusammenhang ist die Personalkostenquote – also der Anteil der Personalkosten (Löhne und Gehälter plus Sozialabgaben und Altersvorsorge) am Umsatz. Als Orientierung gilt: In einer wirtschaftlich gesunden Praxis mit einem EBITDA von 10 bis 20 Prozent liegen die Personalkosten für die Tierärztinnen und Tierärzte bei rund 25 Prozent der Einnahmen. Real bewegt sich der gesamte Personalkostenanteil je nach Praxistyp, Standort und Delegationsgrad etwa zwischen gut 20 und 30 Prozent. Wird die Marke von rund 40 Prozent überschritten, gerät die Wirtschaftlichkeit ins Wanken.

Diese Zahlen sind Richtwerte aus der Fachliteratur, keine amtliche Statistik – aber sie geben eine belastbare Orientierung. Zum Einordnen: Die durchschnittlichen Gesamtkosten einer Praxis liegen bei rund 50 bis 60 Prozent des Umsatzes, und Personal ist darin der größte Einzelposten. Wer die eigene Quote nicht kennt, steuert im Blindflug. Der Betriebsvergleich des bpt (Bundesverband Praktizierender Tierärzte) bietet Mitgliedern hier kostenlose, anonyme Vergleichswerte.

Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht

Die zweite Hälfte der Geschichte ist der Fachkräftemangel – und der ist gravierend. Laut Tierärztestatistik der Bundestierärztekammer waren Ende 2025 rund 46.000 Tierärztinnen und Tierärzte Kammermitglied. Bemerkenswert ist die Strukturverschiebung: Erstmals gibt es etwa gleich viele oder sogar mehr angestellte als selbstständige Tierärztinnen und Tierärzte. Die Zahl der Niedergelassenen sinkt, die der Angestellten steigt. Gleichzeitig altert die Berufsgruppe, und in vielen Regionen gehen die Praxiszahlen zurück – mit dem Risiko echter Versorgungsengpässe.

Auch bei den Tiermedizinischen Fachangestellten (TFA) ist die Lage angespannt: Bundesweit gibt es nur rund 23.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte TFA, davon etwa ein Viertel in Ausbildung. Der TFA-Mangel gilt als ebenso ernst wie der Tierärztemangel. Dazu kommt ein hoher Frauenanteil von über 70 Prozent im Beruf und damit verbunden eine hohe Teilzeitquote und ein starker Wunsch nach planbaren, flexiblen Arbeitszeiten.

Für die Wirtschaftlichkeit bedeutet das: Der Engpass ist nicht mehr die Nachfrage der Kundinnen und Kunden, sondern die verfügbare Arbeitskraft. Eine Praxis, die ihr Team nicht halten kann, verliert Umsatz – ganz gleich, wie voll das Wartezimmer ist.

Warum Mitarbeiterbindung eine Wirtschaftsfrage ist

Fluktuation ist teuer. In der allgemeinen HR-Literatur wird der Verlust einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters mit dem 1,5- bis 2-fachen Jahresgehalt kalkuliert – für Recruiting, Einarbeitung und den Produktivitätsverlust in der Übergangszeit. Übertragen auf die Praxis heißt das: Schon ein einziger vermiedener Abgang pro Jahr rechtfertigt fast jede Investition in Bindung und gutes Arbeitsklima. Studien zeigen zudem, dass Betriebe mit hoher Mitarbeiterbindung deutlich produktiver arbeiten.

In der Tiermedizin verstärkt sich dieser Effekt durch einen Teufelskreis: Unterbesetzung führt zu Überlastung, Überlastung senkt Zufriedenheit und erhöht die Fehleranfälligkeit, was wiederum zu weiteren Abgängen führt. Die Gegenmittel, die auch die Bundestierärztekammer betont, sind planbare Arbeitszeiten, eine verlässliche Leistungsfinanzierung über die GOT, moderne Praxis- und Kooperationsmodelle und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Der unterschätzte Hebel: Delegation und Skill-Mix

Der vielleicht wirksamste betriebswirtschaftliche Hebel auf der Personalseite ist der richtige Skill-Mix. vmf und bpt haben dazu eine gemeinsame Liste delegierbarer Leistungen veröffentlicht – von der Anamnese-Datenerhebung über Probenentnahmen bis zu Blutdruckmessung, EKG und Tonometrie. Die Logik dahinter ist einfach: Tierärztinnen und Tierärzte sollten sich auf die Tätigkeiten konzentrieren, für die ihre Approbation und Fachkompetenz unverzichtbar sind. Routineaufgaben wandern zur qualifizierten TFA.

Das erhöht die Umsatzproduktivität pro Tierarzt-Vollzeitäquivalent, entlastet im Fachkräftemangel und schafft für die TFA zugleich Entwicklungsperspektiven. Denn wer neue Fertigkeiten erwirbt, kann in höhere Tätigkeitsgruppen des Tarifvertrags aufsteigen – ein starkes Motivations- und Bindungsinstrument. Delegation ist damit gleichzeitig Wirtschaftlichkeits- und Personalstrategie. Die fachliche Verantwortung bleibt dabei immer beim Tierarzt, ebenso die Auswahl geeigneter, entsprechend qualifizierter Mitarbeitender.

Faire Vergütung ist die Eintrittskarte

Ohne marktgerechte Bezahlung funktioniert keine Bindungsstrategie. Der TFA-Tarifvertrag von bpt und vmf wurde zum 1. Juni 2025 spürbar angehoben – im Schnitt rund fünf Prozent über alle Berufsjahre und Tätigkeitsgruppen. Neu eingeführt wurde eine Tätigkeitsgruppe IV für Leitungsaufgaben mit einem Aufschlag von 32 Prozent auf die Basisgruppe. Eine erfahrene Vollzeit-TFA erreicht damit je nach Eingruppierung und Berufsjahren ein deutlich vierstelliges Monatsgehalt; in der höchsten Gruppe sind über 5.000 Euro brutto möglich. Für angestellte Tierärztinnen und Tierärzte veröffentlicht der bpt Gehaltsuntergrenzen als Verhandlungsbasis, die betont nach oben zu verhandeln sind.

Wichtig ist die Botschaft dahinter: Der Tarif ist die Untergrenze, nicht das Ziel. Wer im aktuellen Arbeitsmarkt gute Leute halten will, denkt Vergütung, Entwicklung und Arbeitszeit zusammen.

Wie das Ganze zusammenpasst

Eine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis aus Personalsicht lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Sie kennt ihre Personalkostenquote und hält sie in einem gesunden Korridor um etwa 25 Prozent. Sie versteht, dass im heutigen Arbeitsmarkt das Halten guter Leute wichtiger ist als das schnelle Wachstum. Sie nutzt Delegation und Skill-Mix, um die teure Ressource Tierarztzeit auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und sie zahlt fair, entwickelt ihr Team und schafft planbare Arbeitsbedingungen – nicht aus Idealismus, sondern weil genau das die Wirtschaftlichkeit trägt.

Personal ist in der Tiermedizin längst der entscheidende Engpass. Wer es als strategische Investition begreift und nicht als bloßen Kostenposten, legt das Fundament für eine Praxis, die sich rechnet.


Quellen: Bundestierärztekammer – Tierärztestatistik 2025; bpt/vmf – TFA-Tarifvertrag 2025 und Delegationsliste; bpt – Gehaltsuntergrenzen angestellte Tierärzte 2025; Royal Canin Vet Focus „Der Tierarzt als Unternehmer"; vetline.de – BWA-Kennzahlen; VetStage – Fachkräftemangel in der Tiermedizin. Die genannten Prozent- und Eurowerte sind Richt- bzw. Orientierungswerte; für die eigene Praxis empfiehlt sich der bpt-Betriebsvergleich.