Vier Generationen, unterschiedliche Erwartungen

Am Arbeitsplatz treffen heute bis zu vier Generationen aufeinander: Babyboomer, Generation X, Millennials (Gen Y) und Generation Z. Ihre Prägungen unterscheiden sich spürbar. Babyboomer und Gen X ziehen viel aus Anerkennung, Loyalität und dem Selbstverständnis, dass man für den Beruf auch zurücksteckt. Für Millennials und die Gen Z stehen Work-Life-Balance, Flexibilität, gute Führung, mentale Gesundheit und die Frage, ob die Arbeit zu den eigenen Werten passt, weiter oben. Für viele junge Menschen zählt Freude an der Arbeit inzwischen mehr als das reine Gehalt.

Dass daraus Reibung entsteht, belegen Umfragen quer durch die Branchen: Eine deutliche Mehrheit der Babyboomer findet, die Gen Z erwarte zu viele Anpassungen des Arbeitgebers an persönliche Bedürfnisse. Das ist die generationelle Bruchlinie – und in der Tiermedizin trifft sie auf besonders zugespitzte Rahmenbedingungen.

Der tiermedizinische Sonderfall: weiblich, angestellt, planbarkeitsorientiert

Zwei Strukturzahlen erklären viel. Erstens die Feminisierung: Der Frauenanteil im Studium liegt seit Jahren über 85 Prozent, bei den jüngsten Absolventenjahrgängen bei rund 87 Prozent. Im Berufsstand insgesamt sind inzwischen etwa 71 Prozent Frauen – Tendenz steigend, weil die noch männlich geprägten älteren Jahrgänge in Rente gehen. Feminisierung ist für sich genommen kein Konflikt. Aber sie überlagert sich mit dem verständlichen Wunsch nach Teilzeit, vor allem nach der Familiengründung, und verändert damit die Struktur des Berufs grundlegend.

Zweitens der Trend zur Anstellung: Von rund 34.000 tierärztlich Tätigen führen nur noch etwa 12.000 eine eigene Praxis, und diese Zahl sinkt. Seit Ende 2023 gibt es erstmals mehr Angestellte als Selbstständige. Die junge Generation meidet zunehmend die unternehmerische Verantwortung – was direkt in die nächste Lücke führt: Viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen erreichen das Rentenalter und finden keine Nachfolge. Die Praxisnachfolge wird zum strukturellen Problem, nicht zum Einzelfall.

Wo es konkret knirscht

Der Kern des Konflikts ist nicht Faulheit, sondern ein Zusammenprall von Ansprüchen. Am deutlichsten zeigt sich das beim Notdienst und der Verfügbarkeit. Früher waren Tierärzte „rund um die Uhr im Einsatz", oft schlecht bezahlt und unter Verzicht auf Gesundheit und Privatleben. Die junge Generation will planbare Zeiten, Wertschätzung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass Kliniken zunehmend ihre Notdienstzulassung zurückgeben, weil sie den 24/7-Betrieb personell und finanziell nicht mehr stemmen, ist Ausdruck genau dieses Konflikts – der bpt fordert deshalb eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes. Hier prallen Versorgungsauftrag und der legitime Wunsch nach Ruhezeiten frontal aufeinander.

Daneben gibt es die leiseren Reibungspunkte. Bei Führung und Hierarchie irritiert ältere Praxisinhaberinnen und -inhaber vor allem, dass Jüngere Entscheidungen hinterfragen – „Chef sein" allein begründet keine Autorität mehr. Bei Teilzeit und Familie sind familiäre Gründe der wichtigste Anlass für den Wechsel von Voll- auf Teilzeit. Und die Digitalisierung schafft eine weitere Trennlinie zwischen der Erwartung an moderne Praxis-IT, Onlinetermine und Telemedizin einerseits und eingespielten analogen Abläufen andererseits.

Das ernste Thema hinter dem Konflikt: mentale Gesundheit

Was in der „Jung-gegen-Alt"-Debatte oft untergeht, ist die psychische Belastung des Berufs. Deutsche Studien zeigen ein alarmierendes Bild: Tierärztinnen und Tierärzte haben ein rund dreifach erhöhtes Depressionsrisiko und ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung. Etwa jede fünfte Person im Beruf berichtet von Suizidgedanken. Untersuchungen zu Burnout beschreiben eine Berufsgruppe mit hoher Motivation, aber ebenso hoher Belastung, die sich mental schlecht vom Beruf abgrenzen kann. Erste Hilfsangebote wie eine bundesweite Telefonhotline entstehen gerade.

Der Bezug zum Generationenthema ist wichtig: Die jüngere, für mentale Gesundheit sensiblere Generation zieht früher Grenzen und steigt eher – zumindest zeitweise – aus. Was Ältere manchmal als geringere Belastbarkeit deuten, ist oft eine gesündere Reaktion auf einen Beruf, der seine Menschen historisch verschlissen hat. Das ist kein Generationen-, sondern ein Kulturkonflikt: Er stellt die Frage, wie viel Selbstausbeutung normal sein darf.

Wie man damit umgeht: Führung und neue Strukturen

Lösungen liegen auf zwei Ebenen. Die erste ist generationssensible Führung: Wertschätzung, transparente Kommunikation, echte Mitsprache statt reiner Hierarchie, planbare Dienste, faire Teilzeit- und Notdienstmodelle und ein ernsthafter Umgang mit mentaler Gesundheit. Wer die Erwartungen der jungen Generation nicht als Zumutung, sondern als Anforderung an moderne Arbeitsbedingungen liest, gewinnt im Wettbewerb um knappe Fachkräfte.

Die zweite Ebene sind neue Strukturen. Seit etwa 2015 kaufen Investoren Praxen und Kliniken auf; die großen Betreiber wie Tierarzt Plus, IVC Evidensia und AniCura – letztere gehört zu Mars – betreiben inzwischen jeweils dutzende bis rund hundert Standorte. Für viele junge Tierärztinnen und Tierärzte sind diese Strukturen attraktiv, weil sie ein Angestelltenverhältnis, geregelte Arbeitszeiten und Teilzeitoptionen ohne unternehmerisches Risiko bieten. Zugleich werden sie kritisch diskutiert, etwa wegen lokaler Monopolbildung und steigender Preise. Daneben entstehen kleinteiligere Modelle: Anstellungspraxen, Job-Sharing bei Notdiensten, Gemeinschaftspraxen mit mehreren Teilzeitkräften und Telemedizin als Entlastung.

Vom Konflikt zur Gestaltungsaufgabe

Die ehrlichste Einordnung lautet: Der eigentliche Konflikt in der Tiermedizin ist nicht der zwischen den Generationen, sondern der zwischen einem 24/7-Versorgungsanspruch und dem berechtigten Wunsch nach Planbarkeit, Teilzeit und mentaler Gesundheit. Die Generationen erleben diesen Konflikt nur von unterschiedlichen Seiten. Die Älteren haben ein System getragen, das auf Selbstaufopferung gebaut war; die Jüngeren weigern sich, dieses System unverändert weiterzuführen – und liegen damit gesundheitlich betrachtet nicht falsch.

Wer das versteht, hört auf, die andere Generation zu bewerten, und beginnt, gemeinsam Bedingungen zu gestalten, unter denen der Beruf für alle tragbar bleibt. Genau darin liegt die Chance: Der Generationenwechsel zwingt die Tiermedizin, sich Fragen nach Arbeitszeit, Führung und Gesundheit zu stellen, die längst überfällig waren.


Quellen: Bundestierärztekammer – Tierärzte Atlas Deutschland 2024 und Tierärztestatistik; tiermedizin.thieme.de und rebmann-research.de zu Struktur- und Angestelltenzahlen; bpt-Stellungnahme zur Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes; Springer – Studie zu Burnout bei Tierärzten (2024) sowie ZDFheute und agrarheute zum erhöhten Suizidrisiko; Börsen-Zeitung und Fachblogs zu Corporate-/Ketten-Strukturen (AniCura, IVC Evidensia, Tierarzt Plus). Generationsbezogene Erwartungswerte stammen aus branchenübergreifenden Studien (u. a. Zenjob, Robert Half) und sind als Trendaussagen zu verstehen.