Der teure Reflex: Schuld suchen

Die instinktive Reaktion auf einen Fehler ist die Frage „Wer war das?". Sie ist menschlich – und sie ist der Anfang vom Problem. Wo Fehler mit Schuldzuweisung, Bloßstellung oder Ärger beantwortet werden, lernt das Team schnell eine einzige Lektion: Fehler versteckt man besser. Das ist gefährlich, denn ein verschwiegener Fehler kann nicht korrigiert werden, und dieselbe Ursache schlägt beim nächsten Mal wieder zu.

Die Forschung zu sicherheitskritischen Branchen – von der Luftfahrt bis zur Humanmedizin – ist hier eindeutig: Sichere Systeme entstehen nicht durch fehlerfreie Menschen, sondern durch offene Kommunikation über Fehler. Wer will, dass Beinahe-Vorfälle und kleine Pannen ausgesprochen werden, bevor daraus große werden, muss dafür sorgen, dass das gefahrlos möglich ist. Das ist der Kern einer positiven Fehlerkultur: Der Fokus verschiebt sich von der Frage „Wer war schuld?" zur Frage „Was hat dazu geführt und wie verhindern wir es künftig?".

Was eine positive Fehlerkultur konkret heißt

Positive Fehlerkultur ist kein Freibrief für Nachlässigkeit. Es geht nicht darum, Fehler zu verharmlosen, sondern darum, aus ihnen zu lernen, statt sie zu vertuschen. In der Praxis bedeutet das ein paar konkrete Dinge.

Fehler werden zeitnah und sachlich besprochen, idealerweise in einem festen, ruhigen Rahmen statt zwischen Tür und Angel. Der Ton bleibt dabei auf der Sache, nicht auf der Person. Wiederkehrende Muster werden ernst genommen: Wenn dieselbe Art von Fehler mehrfach auftritt, liegt die Ursache selten am einzelnen Menschen, sondern am Prozess – an unklaren Zuständigkeiten, fehlenden Checklisten, Zeitdruck oder lückenhafter Übergabe. Und Führungskräfte gehen voran, indem sie eigene Fehler offen ansprechen. Nichts senkt die Angst vor Fehlern so stark wie eine Chefin, die sagt: „Das habe ich falsch eingeschätzt, daraus nehme ich mit …". Wer diese Haltung vorlebt, macht das Eingestehen für alle anderen erst möglich.

Die Brücke zur Motivation

Hier schließt sich der Kreis zur Mitarbeitermotivation. Menschen sind dann motiviert, wenn sie sich sicher, kompetent und gesehen fühlen. Eine angstfreie Fehlerkultur zahlt direkt auf alle drei ein: Sicherheit entsteht, weil niemand fürchten muss, für einen ehrlichen Fehler vorgeführt zu werden. Kompetenz wächst, weil aus Fehlern gelernt wird statt sie zu wiederholen. Und Gesehenwerden passiert, wenn Beiträge – auch das mutige Ansprechen eines eigenen Fehlers – anerkannt werden.

Motivation entsteht dabei weniger durch große Gesten als durch verlässliche Kleinigkeiten im Alltag. Wertschätzung, die konkret ist statt floskelhaft: nicht „gut gemacht", sondern „dass du bei dem schwierigen Besitzer heute so ruhig geblieben bist, hat die Situation gerettet". Vertrauen, das sich in echter Verantwortung zeigt, statt in Kontrolle über jeden Handgriff. Entwicklungsmöglichkeiten, etwa der Aufstieg einer TFA in anspruchsvollere Tätigkeiten, die zugleich fachlich motivieren und wirtschaftlich sinnvoll sind. Und ein Team, in dem man Belastendes teilen kann – gerade in einem Beruf mit Euthanasie, schwierigen Gesprächen und hoher emotionaler Last.

Feedback als tägliche Routine, nicht als Jahresritual

Der praktische Motor von all dem ist Feedback – und zwar wechselseitig. Feedback, das nur einmal im Jahr im Mitarbeitergespräch stattfindet, kommt zu spät und wird zu bedeutungsschwer. Wirksamer ist eine Kultur des kleinen, regelmäßigen Feedbacks in beide Richtungen: Anerkennung, sobald etwas gut lief, und ein zeitnaher, konstruktiver Hinweis, wenn etwas schiefging. Wichtig ist die Richtung: Auch die Leitung sollte aktiv nach Rückmeldung fragen. Ein Team, das erlebt, dass sein Feedback etwas bewirkt, spricht Probleme früher an – und genau das verhindert Fehler und Frust gleichermaßen.

Das jährliche Zielvereinbarungsgespräch behält seinen Platz, um mit drei bis fünf konkreten Zielen die größere Richtung zu setzen. Aber es ersetzt nicht die tägliche Rückmeldung, sondern rahmt sie.

Warum sich das auszahlt

Man kann Fehlerkultur und Motivation als weiche Themen abtun. Das wäre ein teurer Irrtum. In einem Beruf mit gravierendem Fachkräftemangel und hohen Fluktuationskosten ist die Frage, ob Menschen gern bleiben, eine handfeste wirtschaftliche Größe. Ein Team, das sich sicher fühlt, arbeitet zuverlässiger, macht weniger vertuschte und damit weniger wiederholte Fehler, kommuniziert offener mit den Tierbesitzern und hält länger durch. Eine offene Fehler- und Feedbackkultur ist damit nicht nur menschlich das Richtige, sondern eine der günstigsten Investitionen in Qualität und Bindung, die eine Praxis machen kann.

Der Anfang ist unspektakulär und kostet nichts: beim nächsten Fehler die Frage „Wer war das?" bewusst ersetzen durch „Was ist passiert und was lernen wir daraus?". Diese eine Umstellung verändert über die Zeit mehr als jedes Motivationsprogramm.


Themenanregung: VetStage „Positive Fehlerkultur, Motivation und Challenges" und „Arbeitskultur in der Tierarztpraxis"; ordio-Ratgeber „Mitarbeiter motivieren"; tiermedizin.thieme.de „Motivation durch Feedback fördern". Dieser Artikel ist eine eigenständige Aufbereitung des Themas, keine Übernahme fremder Inhalte.